„Selektion“ – Sneak Peak

Auszug aus Kapitel 1: Blick hindurch

Seite 7 – 10 der Endkorrektur.

Ich stehe am anderen Ende des Gewehrlaufs und weiß nicht, welches Ende das richtige ist. Die Waffe starrt mich mit ihrem einen schwarzen Auge an. Das andere, das mich über die Kimme fixiert und dabei blinzelt, ist nicht ihres. Es ist blau. Oder grün. Oder braun. Nur dass es blinzelt, ist gesicherte Erkenntnis. Die Frage, die sich erhebt, ist, wer von uns beiden die Hose voller hat. Die vor oder der hinter dem Abzug.

Ich jedenfalls habe eine Scheißangst. Sie wird nicht dadurch verringert, dass der Lauf schlingernd eine Art Acht ins Bild schreibt. Zitterndes Wackeln wäre untertrieben. Mir schießt durch den Kopf, wie die Patrone im Lauf das sieht. Schließlich ist das Ding da drüben keine Schickimicki-Laserwaffe, die nur in den SF-Filmen im Feld eingesetzt wird. Ich weiß allerdings nicht einmal, ob sie, die Patrone selbstredend, aus dem Magazin durch Spannen bereits in den Abschussschacht geschoben wurde. Jedenfalls habe ich nichts dergleichen gehört.

Die Aussicht, dass es sich nicht um eine Kalaschnikow oder eine Uzi handelt, könnte mich beruhigen. Tut sie aber nicht. Es ist tatsächlich ein Gewehr, das man spannen und entsichern muss. Aber halbautomatisch. Wenn durch die Lande streift wie ich, versteht man was von Waffen. Das Magazin ist groß und markant. Es sieht glatt so aus, als wäre es voll. Randvoll.

Kaliber sieben fünfundsechzig. Ziemlich sicher. Ich kann nicht nachmessen, aber für neun ist der Lauf zu klein und für sechs zu groß. Millimeter, nicht Zentimeter. Je nach Geschossart ist das Loch unterschiedlich groß, das es in einen Körper stanzt. Auf diese Entfernung tritt es hinten wieder aus. Die Frage ist nur, wie groß das Austrittsloch ist. Und wie viel es zwischendrin zerreißt.

Richtig gestrig, das Teil. Aber besser geeignet als eine Laserwaffe, für die der feine Staub der Halbwüste eine sichere Dysfunktion bedeutete. Der feine Staub kontaminiert irgendwann die bestgekapselte Optik. Kein Lichtstrahl ohne Optik, kein Laser ohne Lichtstrahl. Staub ist ekelhaft, wie man sieht.

Am Anfang haben die Desperados die Hightech-Soldaten mit dem Holzknüppel erschlagen und die Waffen einfach liegen gelassen. Braucht kein Mensch, der durch die Steppe streift. Die Technik muss eben den Gegebenheiten angepasst sein. Nicht umgekehrt. Lernt man irgendwann. Ich als Ex-Nerd weiß das. Ich habe gelernt. Tat weh.

Seither feiern die alten Wummen aus dem letzten Jahrhundert Wiederauferstehung. Mein kleiner innerer Schlaumeier hält wieder eine Vorlesung, statt er sich damit beschäftigen würde, wie ich aus dieser vermaledeiten Scheißlage rauskomme. Echt jetzt.

Das eine Auge, das mich anvisiert, schlottert immer stärker, und das andere zwinkert immer heftiger. Ich spüre, dass sich auf den Stirnen der beiden anwesenden Protagonisten der kalte Schweiß erst ausbreitet, dann sammelt und schließlich in Richtung Augenhöhlen perlt. Je länger die Veranstaltung hier andauert, desto weniger können sich beide gegenseitig fixieren. Brennende Augen sind dafür völlig ungeeignet. Wenigstens bei mir ist das momentan schon der Fall, aber ich stehe ja nicht hinter dem schwarzen Gewehrlaufauge da drüben.

Ein guter Schütze ist völlig in Ruhe. Nur das Opfer darf unentspannt sein. Hier sind beide Kontrahenten genau das: der potenzielle Schütze und das mögliche Todesopfer. Unentspannt. Die Stirn des Gegenübers glänzt verdächtig. Das spricht für Schweiß. Viel Schweiß. Immer mehr Schweiß. Bei der Sonneneinstrahlung, der Außentemperatur und der Kleidung kein Wunder. Der Overall meines Gegenübers ist jedenfalls nicht sonderlich sommertauglich. Und es ist Sommer, und zwar verdammich viel davon.

Es ist erstaunlich, wie sehr sich in höchster Gefahr das Zeitempfinden verändert. Das Adrenalin fährt alle Sinne in einer Art und Weise hoch, dass man den Eindruck hat, alles liefe in Slomo ab. Ich finde es mit zunehmender Zeitdauer immer unglaublicher, dass ich noch am Leben bin und in der Lage, derart tiefschürfende Gedanken zu produzieren.

Ich hatte vor langer Zeit, als die Welt in Ordnung zu sein schien, irgendwo etwas über Nahtoderlebnisse gelesen – dieser Effekt der Ausdehnung oder auch Verlangsamung der Zeit wurde dort berichtet. Spannend. Aber warum schießt mir das gerade ins Hirn? Ein merkwürdiger, letzter Gedanke, bevor ein 7,65 Millimeter-Geschoss meinem Leben auf irgendeine Art ein Ende setzt, oder? Ich will den Kopf schütteln. Und entscheide mich dagegen. Es könnte falsch verstanden werden.

Nur das Ende will einfach nicht stattfinden. Weder höre ich den Knall, noch sehe ich den Patronenhülsenauswurf, noch kommt mir eine auf mich losgelassene Vollmantelkupferspitze entgegen, um mich zu fällen. Nichts dergleichen tut sich. Vielmehr eröffnet sich mir die segensreiche Chance, über das langsame Einsickern von Schweißtropfen in meine Arschritze zu kontemplieren. Und darüber, dass sich wenigstens um mich herum langsam ein kleiner Schwarm durstiger Fliegen und stechwütiger Bremsen bildet, wobei letztere bereits nach meinem Blut lechzen, bevor es vergossen wird.

Erstere sind etwas höflicher. Sie warten, bis es so weit ist. Dass die Mittagssonne volle Kanne auf meinen nicht mehr vorhandenen Scheitel brennt, macht die Situation nicht gemütlicher. Im gleichen Maß, wie der Schweiß tropft, wird mein Mund trockener.

Die Lippen werden dadurch schartiger und schartiger. Das spüre ich, wenn die Zunge verstohlen darüberstreicht, um die Schweißperlen unter meinem Fünftagestoppelschnäuzer wenigstens partiell am nutzlosen Absturz über mein Kinn in den staubigen Boden zwischen meinen Füßen zu hindern.

Bald werden sie aufplatzen, meine Lippen, sage ich mir. Meine Zunge findet ihr Spiegelbild im Gegenüber auf der Abzugsseite des Gewehrs, dessen Lauf inzwischen kreisende Bewegungen macht, eher Ellipsen, die Achten sind out, weil die Armmuskeln unter dem Gewicht der Waffe wegen der Überbelastung zu rebellieren beginnen.

Heute ist die Welt, wenigstens die meine, gar nicht in Ordnung. Ich bin versucht, ob dieser weisen Erkenntnis zu nicken, lasse das aber klugerweise.

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